Imke Abseitsfalle

Für die junge Fußballerin Imke erfüllt sich ein Traum. Sie wird ins Auswahlteam berufen. Andere Vereine werden auf die talentierte Spielerin aufmerksam. Doch eigentlich möchte sie beim SV Winkelbach bleiben, denn dort spielen ihre Freundinnen Tanja und Tina. Außerdem gibt es da ja noch die taffe Trainerin Bärbel, in deren Nähe Imkes Gefühle Purzelbäume schlagen.
Doch dunkle Wolken ziehen über Winkelbach. Da ist der neue Coach der Herrenmannschaft, der Bärbel das Fußball-Leben auf der Anlage erschwert. Was ist mit ihrer Freundin Tina los, die sich immer mehr verschließt? Welches Geheimnis trägt ihre Trainerin mit sich herum? Imkes Spürnase nimmt Witterung auf und dabei gerät nicht nur sie in einen Strudel von verwirrten Gefühlen und Skrupellosigkeit.


 

Imke - Abseitsfalle

 

......

 Ein komplizierter Abend

»Tanja, Lydia, Dani – hier bei mir spielt die Musik«, rief Bärbel den drei Mädchen zu, die kichernd zusammenstanden. Sie blickten auf die andere Seite des Platzes, auf der zeitgleich die B-Junioren des SV Winkelbach trainierten.

Bärbel klatschte laut in die Hände: »Auch wenn es schwer fällt, wir haben noch einiges vor.«

»Kommt schon«, rief auch Karin, die vorbildliche Spielführerin der Mannschaft. »Ich will trainieren.«

»Ist ja gut«, rief Dani. »Wir sind ja schon da.«

Die drei schlenderten immer noch kichernd zu ihren Mitspielerinnen. Tina, die Torhüterin und mit Tanja zusammen Imkes beste Freundin, verdrehte die Augen. »Mensch, was ihr an diesen Bubis nur findet«, meinte sie kopfschüttelnd.

Ein paar Mädchen lachten.

»Wieso, wir schauen doch nur«, entgegnete Dani. »Die wollen ja was von uns.«

»Das könnt ihr nach dem Training ausdiskutieren«, rief Bärbel. »Auf meinem Trainingsplan stehen noch ein paar Torschussübungen und ein kleines Abschlussspielchen. Am Wochenende wartet schließlich ein schweres Spiel auf uns.« Das waren natürlich die Highlights eines Trainings und entsprechend motiviert und begeistert absolvierten die Mädchen die Übungen.

Am Ende des Trainings rief Bärbel die Mädchen noch einmal zusammen: »Ich habe noch eine tolle Nachricht. Erwartungsvoll sahen sie die Trainerin an.

 ***

Imke stürzte in die Küche. Ihre Eltern saßen beim Abendessen und schauten verdutzt auf ihre aufgeregte Tochter. Ihre kurzen schwarzen Haare standen ungekämmt in alle Himmelsrichtungen, das Gesicht war knallrot vor Aufregung und die großen graublauen Augen strahlten vor Freude.

»Imke, was ist passiert«, fragte ihre Mutter. »Du hast immer noch deine dreckigen Trainingsklamotten an«, stellte sie im nächsten Moment tadelnd fest. »Warum duscht ihr Mädchen eigentlich nie nach dem Training?«

»Das ist doch jetzt egal, Mama«, entgegnete Imke atemlos.

»Ich gehöre zum Auswahlkader und spiele bei einem Kreisauswahlvergleichsturnier mit!«

Martin Strobel zog die Augenbrauen hoch und sah seine Tochter fragend an: »Auswahlkader? Turnier?«

»Bärbel hat mir gerade die Einladung gezeigt. Ich gehöre dazu!« Ihre Augen glänzten. »Stellt euch das mal vor. Die besten Spielerinnen haben dabei die Chance, in den Landesauswahlkader zu kommen.«

Imkes Eltern schauten sich verschmitzt an.

»Kleine, das ist ja super«, meinte ihre Mutter und nahm sie in den Arm. »Ich bin ganz stolz auf Dich«

Martin Strobel biss herzhaft in sein Wurstbrot und lächelte vor sich hin. »Jetzt ist die Nationalelf also auch nicht mehr weit weg?«

»Ach Papa, das ist dann das nächste Ziel!« Imke setzte sich auf einen Stuhl und nahm sich ein Stück Käse.

»Imke, mit deinen dreckigen Zeug am Tisch. Also ehrlich.« Irene Strobel schüttelte verständnislos den Kopf.

»Mama, jetzt schimpf mich nicht. Ich freue mich doch so auf das Turnier!«

Imkes Eltern wussten, wie viel ihrer Tochter der Fußball bedeutete. Sie unterstützen das Hobby, weil sie sahen, wie Imke durch diesen Sport selbstbewusster und aufgeschlossener wurde. Außerdem besaß sie ohne Zweifel großes Talent. Seit einigen Monaten gehörte Imke zu dem Kreis der talentierten Mädchen, die regelmäßig am Stützpunkttraining teilnehmen durften.

»Wo und wann findet denn dieses wunderbare Turnier statt«, fragte ihr Vater.

»Auf der Anlage von Mainstetten, am ersten Oktoberwochenende«, entgegnete Imke kauend.

Mit einem Mal wurde es still. Imkes Eltern schauten sich an.

Imke blickte irritiert auf. »Ist was?« fragte sie unruhig.

»Naja, nun, Imke, ähm, weißt du…«, druckste Martin Strobel herum. Frau Strobel sah ihren Mann kopfschüttelnd an. »Also, bis du zum Punkt kommst. Imke, du weißt doch, dass Oma sechzig Jahre alt wird und wir zu ihr fahren. Das ist doch schon längst alles ausgemacht!«

Imke starrte ihre Eltern entsetzt an. »Nein Mama, das geht nicht! Ich muss spielen!«

Ihre Mutter sah sie streng an: »»Mein liebes Fräulein! Wir respektieren nicht nur deinen Sport, wir fiebern mit dir fast jedes Wochenende am Spielfeldrand mit. Aber meiner Mutter werde ich bestimmt nicht wegen eines Fußballturniers absagen und schon gar nicht ihre Feier zum Sechzigsten Geburtstag!«

Imkes volle Lippen verzogen sich schmollend. Tränen tropften aus ihren Augen. »Ihr könnt ja fahren... ich bleibe daheim!«

»Also Imke!« Kopfschüttelnd sah Irene Strobel ihre Tochter an. »Oma würde dich sowieso lieber im Ballettkleidchen Schwanensee tanzend bewundern, als in kurzen Hosen auf der Fußballbühne. Du brichst ihr das Herz, wenn du ein Fußballturnier ihr vorziehst! Das kann nicht dein Ernst sein!«

Imke sah in Gedanken ihre Oma vor sich. Eigentlich war Oma das falsche Wort. Sie wirkte wie die große Schwester ihrer Mutter: Chick, modern und unternehmungslustig. Sie arbeitete noch halbtags in einer Bibliothek. Doch im Bezug auf Imkes Hobby war sie sehr konservativ.«

Voller Verzweiflung sah Imke ihren Vater an, der aber sofort wegschaute und sich auf sein Essen konzentrierte. Imke drehte sich um und rannte aus dem Zimmer. Sie hörte ihre Mutter rufen und die beruhigende Stimme des Vaters.

Tränen liefen über Imkes Gesicht. Sie schwang sich auf das Fahrrad und trat in die Pedalen. Sie fühlte sich wie gelähmt, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Vor einer Stunde fühlte sie sich noch als der glücklichste Mensch auf der Welt. Da hatte Bärbel vor der ganzen Mannschaft verkündet, dass Imke zum Kreisauswahlturnier eingeladen wurde. Doch nun zerfiel dieser Traum wie ein Kartenhaus

 ***

Imke musste mit jemanden reden. Automatisch fuhr sie zum Fußballplatz, der nur wenige Minuten von ihrem Zuhause entfernt lag. Sie stellte ihr Mountainbike ab und schlenderte auf die Anlage. Es war inzwischen kurz nach acht Uhr. Sie beobachtete, dass sowohl die Frauen- als auch die Herrenmannschaft ihr Training beendeten und die Bälle zusammensuchten. Schnell lief sie zum Trainingsplatz. Ein paar Frauen und Männer kamen ihr bereits entgegen.

»Hallo«, rief Lisa Wimmer. »Was machst du denn noch auf der Anlage?« Lisa war die Mutter war Tina und spielte auch Fußball in der Frauenmannschaft.

»Ich muss noch kurz mit Bärbel reden«, entgegnete sie und hoffte, dass keiner bemerkte, wie aufgelöst sie war.

»Schaust du Samstag bei uns zu«, fragte Julia, die stämmige Verteidigerin.

»Klar«, entgegnete Imke im Vorbeilaufen.«

Mit den Ballnetzen in der Hand kam ihr Bernd entgegen. Er war seit dieser Saison Bärbels Co-Trainer. »He Kleine, was machst du denn noch hier?«

Imke blieb stehen. »Ich muss noch mit Bärbel reden.«

»Was ist los? Du schaust so traurig, dabei war das doch heute so eine tolle Nachricht für dich.«

Imkes Augen füllten sich wieder mit Tränen. Bernd legte die Bälle ab und wollte sie tröstend in den Arm nehmen, doch Imke wich ihm aus.

»Wo ist Bärbel?« fragte sie.

Er zeigte in Richtung des Trainingsplatzes: »Bärbel unterhält sich noch mit Grohmann. Sie kommt sicher gleich.«

Imke nickte und ging langsam weiter. Sie sah, dass nur noch Bärbel und Günter Grohman auf dem Trainingsplatz standen.

 ***

»Wir müssen endlich eine Lösung finden«, forderte Grohmann.

»Sollen wir uns in Luft auflösen?« fragte Bärbel. »Wir waren doch mit unseren Trainingszeiten zufrieden, bis der Vorstand sie uns wegnahm. Die haben doch unsere Trainingszeiten an andere Vereine verhökert, um Geld in die Kasse zu bekommen.« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Wahrscheinlich müssen sie damit dein Trainergehalt und deine Söldnertruppe bezahlen. An der derzeitigen Situation sind wir also nicht schuld.«

Grohmann war ein attraktiver, braungebrannter Mann, mit einem gepflegten Dreitagebart. Er sah nicht aus wie fünfzig Jahre und das wollte er auch ausstrahlen. Nach seiner Scheidung vor sieben Jahre hatte er sich nicht mehr fest gebunden, für ihn stand der Fußball an erster Stelle und daran scheiterte bereits seine Ehe.

»Nun, Qualität hat nun mal seinen Preis.« Grohmann grinste breit. »Warum müsst ihr Frauen uns eigentlich immer nacheifern?«

»Was meinst du damit?«.

»Frauen sollten ihre Männer auf dem Fußballplatz anfeuern, zuhause verwöhnen und ein gutes Essen kochen. Stattdessen wollt ihr jetzt auch Fußball spielen und nimmt dabei den Jungs die Plätze weg.«

Bärbel lachte laut auf: »Also wirklich. Aus welchem Zeitfenster bist du denn entsprungen?«

Grohmann sah die Trainerin an. Vom ersten Augenblick an faszinierte ihn diese Frau. Er stand eigentlich auf feminine, schlanke Frauen, die sich für eine Verabredung in Schale schmissen, enge Kleidung und hohe Absätze trugen, sich nachschminkten und in den Mantel helfen ließen. Doch Bärbel war völlig anders. Sie besaß eine natürliche völlig ungeschminkte Ausstrahlung. Selbstbewusst und unnahbar, fast kühl stand sie ihm gegenüber. Er wusste, dass sie als Physiotherapeutin in einem Rehabilitationszentrum in Neustadt arbeitete und überlegte, ob er sich nicht mal ein paar Massagetermine verschreiben lassen sollte. Seine Flirtversuche ließen Bärbel völlig kalt. Das ärgerte ihn maßlos, denn die wenigsten Frauen konnten seinem Charme widerstehen. Es wäre doch gelacht, wenn er nicht auch ihre harte Schale knacken könnte.

Grohmann zog Bärbel an sich und sah sie an. Ihre strahlend blauen Augen blitzten und ihr ganzer Körper war angespannt.

»Was wird das?« fragte sie. »Kommst du mit deinen Argumenten nicht weiter und versuchst es auf die harte Tour?«

»Harte Tour? Hart bin ich nur zu meinen Jungs, aber bestimmt nicht zu schönen Frauen.« Sie verzog spöttisch ihren Mund und setzte zu einer Antwort an. Doch bevor sie etwas sagen konnte, umfasste er ihr Gesicht und drückte seine Lippen auf ihren Mund. Er hatte Bärbel damit völlig überrumpelt. Seine Hände glitten über ihren Rücken und ihr Gesäß. Einen Moment schien sie völlig wehrlos. Doch plötzlich tauchte jemand aus dem Dunkeln auf.

Imke war wie erstarrt. Was war das denn heute nur für ein Abend? Erst die tolle Nachricht vom Turnier, danach das Verbot der Eltern und jetzt knutschte Bärbel mit diesem alten Typen herum. Das konnte doch nicht wahr sein. Ein tiefer Stich bohrte sich in ihre Brust.

Imke wollte sich zurückziehen, doch im selben Moment entdeckte Bärbel sie.

»Imke, was machst du hier?«, fragte die Trainerin verlegen und drückte Grohmann von sich.

»Du hast uns doch wohl nicht heimlich beobachtet?« Günter Grohman hob tadelnd den Finger und grinste dabei breit.

»Ich, ich muss mit dir reden«, sagte Imke leise.

»Du siehst doch, dass du gerade störst«, entgegnete Grohmann. Bevor Bärbel etwas sagen konnte, drehte sich Imke um und rannte davon.

»Imke«, hörte sie Bärbel rufen. »Bleib stehen.«

Doch Imke lief weiter und die Tränen liefen wieder über das Gesicht.

Sie sah nicht, dass Bärbel ihr nachlaufen wollte, doch Grohmann sie am Arm festhielt.

»Lass mich los«, fauchte Bärbel.

»Was regst du dich auf. Darf deine Spielerin nicht sehen, dass die Frau Trainerin ein Privatleben hat?«

»Natürlich habe ich ein Privatleben. Aber welches, das bestimme ich.«

Grohmann wollte sie wieder an sich ziehen, aber Bärbel riss sich los. Schwer atmend stand sie vor ihm: »Hör zu Grohmann, du rührst mich nie wieder an. Verstanden?« Eine tiefe Zornesfalte bildete sich auf ihrer Stirn.

Dann drehte sie sich um und rannte Imke hinterher, doch diese war schon mit dem Fahrrad auf dem Wege nach Hause.

Weinend saß Imke auf ihrem Fahrrad. Neben ihren Eltern, Tina und Tanja gehörte Bärbel zu den wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Sie fühlte sich im Stich gelassen. Eine schreckliche Einsamkeit machte sich in ihr breit. Warum hatte Bärbel sie nicht aufgehalten. Bärbel musste doch wissen, dass sie etwas Wichtiges mit ihr besprechen wollte. Warum wäre sie sonst noch einmal so spät auf die Anlage zurückkommen. Aber Bärbel flirtete lieber mit diesem blöden Typen herum.

Imke stellte das Fahrrad in die Garage und schloss die Haustür auf. Ihr Vater kam ihr entgegen. »Imke, wo warst du denn?«

Imke drängte sich an ihm vorbei und rannte wortlos die Treppe zu ihrem Zimmer hoch. Sie knallte die Tür hinter sich zu und schloss sie ab. Dann fiel sie ohnmächtig vor Enttäuschung, Wut und Traurigkeit in ihr Bett. Sie war weder fähig, endlich ihre Trainingskleidung auszuziehen, noch sich zu waschen und ihre Zähne zu putzen. Sie lag einfach nur da und spürte einen heftigen Schmerz.

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