REHA 3: "Congenial" - Freundschaft auf den ersten Blick - oder ein Coming-Out kommt selten allein

Es gibt diese Begegnungen, bei denen man sofort spürt, mit diesem Menschen ist es anders als sonst. Das passiert eher selten - ähnlich vielleicht wie bei der Liebe auf den ersten Blick - aber es passiert und meistens dann, wenn man nicht damit rechnet.

 

Unsere erste Begegnung war am Mittagstisch des ersten Tages unseres REHA-Aufenthaltes. Mir war mein Platz schon zugewiesen worden und ich hatte mich mit Steffi und Mechthild (s. REHA 2) bereits bekannt gemacht. Dann stand also Uli vor unserem Tisch und sie setzte sich  mir  gegenüber.

 

Es stellte sich heraus, dass Uli und ich  der selben Station angehörten und unsere Zimmer auch noch gegenüber lagen. Obwohl wir uns erst eine Stunde kannten, freuten wir uns darüber wie die Schneeköniginnen.

 

Als ich im Schwesternzimmer das Aufnahmegespräch führte, wurde auch die Frage nach dem Familienstand gestellt. Man sollte mit der Zeit meinen, dass man lockerer im Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung  umgeht. Aber immer wieder nimmt man Anlauf, um solche Fragen zu beantworten, stets mit dem Gedanken konfrontiert, was passiert, wenn mein Gegenüber  nun zu dem Kreis der homophoben Menschen gehört. Es ist letztlich auch die ständige Selbstverständlich der Mitmenschen, die einem immer einen Mann an der Seite unterstellen oder das man vielleicht sogar gerade auf der Suche wäre. Entweder man spielt mit oder es man muss seinem Gegenüber sagen: Hör zu, ich stehe auf Frauen. Als homosexueller Mensch hat man in seinem Leben also nicht nur ein Outing, sondern verdammt viele. Die Menschen auf dieser Station  4 waren mir fremd und ich musste die nächsten Wochen mit ihnen verbringen. Wie auch draußen in der großen weiten Welt finden sich in so einer REHA-Einrichtung Menschen mit den unterschiedlichsten Ansichten und Lebenseinstellungen. Also überlegt man sich schon genau, was möchte ich alles von mir preisgeben?..."

 

 Meine Gegenüber war also eine Schwester der Station und mit der hatte ich die nächsten Wochen viel zu tun. Ich entgegnete  also "ja, ähm, verheiratet, eingetragene Lebenspartnerschaft gibt es ja nicht auf der Liste.

Die Schwester war diesbezüglich total entspannt und rief: "Ach nee, das hatte ich doch gerade schon. Wir haben verheiratet angekreuzt.". Irgendwie ahnte ich sofort, wer das war, diese "vorher schon gehabt".

 

Nach dem Gespräch im Schwesternzimmer schenkte ich mir einen Kaffee ein und setzte mich zu Uli  ins gemeinsame Wohnzimmer der Station. Ich  erzählte ihr diese  Story und sofort entgegnete sie, "ha, das war wohl ich." Das Band zwischen uns war nun endgültig geknüpft. Sie erzählte mir, dass sie bereits seit 35 Jahren mit ihrer Lebenspartnerin  zusammen war und  sie 2015 auf Norderney geheiratet haben. Meine Frau und ich waren ein Jahr früher auf dem Standesamt, dafür hat unsere Beziehung nur die Hälfte an Jahren auf dem Buckel.

 

Die nächsten vier Wochen unternahmen Uli und ich so ziemlich alles zusammen. Am zweiten Wochenende trafen wir uns mit unseren Frauen im selben Hotel und es wurde ein super schöner Abend. Wir vier verstanden uns super - und wir waren uns sicher, das war nicht unser letztes Vierertreffen.

 

Uli und ich entdeckten unsere Leidenschaft für das Schwimmen, versuchten es am Ergometer mit Spinning, begeisterten uns für das Bogenschießen, , wir wanderten durch Schneelandschaften, gingen Tanzen in der "Klinikdisko", wir vertieften ihre Kenntnisse am PC (seitdem "kann sie Facebook") und wir unterhielten  uns stundenlang.  Sie erzählte von einem ihrer ersten Dates mit ihrer Frau - und der fand tatsächlich auf einem Schrottplatz statt. Uli fuhr jahrelang eine "Ente" und fand auf dem Schrottplatz eben immer notwendige Ersatzteile. Ich habe ihr versprochen, dass sie in einem meiner Bücher irgendwann über so ein Date lesen wird :-) - Ja, und wir diskutierten über "Indianer im Kopf", überhaupt über lesbische Bücher und sie gab mir viel Mut und Inspiration für meine nächsten Projekte.

 

Wir verstanden uns, ohne viel Worte. Jeden Morgen war es schon selbstverständlich, dass wir uns zwei Toast toasten und uns ein Brötchen teilten. Uli stand mehr auf der unteren Hälfte, ich mochte lieber die obere des Brötchens.

 

Einmal war ich beim Wäschewaschen im Untergeschoss zwei. Die Maschine war leider zu einem ziemlich ungünstigen Zeitpunkt fertig, nämlich kurz vor dem Mittagessen. Die zwei Fahrstühle waren ständig voll besetzt, also nahm ich meinen schweren Wäschekorb und stapfte hoch in Richtung vierten Stock. Kurz vor dem zweiten Stock kam mir Uli entgegen, die sich bereits auf dem Weg zum Essenssaal befand. "Warum sagst du denn nichts", schimpfte sie, nahm die andere Seite vom Korb und gemeinsam trugen wir ihn in mein Zimmer. Und mit der selben Selbstverständlichkeit haben wir zusammen, plaudernd,  die Wäsche aufgehängt - natürlich auch Unterwäsche. Weder ich noch sie hatten da Hemmungen - und wir kannten uns keine drei Wochen - es war einfach congenial.

Inzwischen nannte man uns schon Hanni und Nanni oder die Zwillinge (Christiane von unserem Tisch 25 schenkte uns die passende obige Karte). Einige Mitpatienten auf der Station äußersten ihr Bedauern, dass wir uns bald trennen mussten - ihr habt euch gesucht und gefunden!. Wir freuten uns auf unsere wahnsinnig tollen Frauen zuhause, aber wir spürten auch,  wir würden uns vermissen, wir würden  das Alltägliche vermissen,  das Liebgewonnene, die Gespräche, den Humor, den Tisch 25, das Schwimmbad, die Diskussionen - einfach HWK-1-Station 4.  Wir saßen uns vier Wochen gegenüber, wir verbrachten die meiste Zeit miteinander, wir vertrauten uns auf eine ganz besondere Art und Weise.

 

Uli wohnt im Sauerland und ich in München. Ja, es sind nicht gerade zwei Nachbarorte, doch was bedeuten Kilometer, wenn zwei Congeniale sich gefunden haben?

 

 

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